Wenn ein Obsoleszenz-Manager erklären will, was Obsoleszenz ist, dann muss er erst einmal erklären, was es nicht ist. Eine Standortbestimmung.

Wer mit Obsoleszenz-Management zu tun hat oder womöglich als Obsoleszenz-Managerin oder -Manager arbeitet, scheut die Frage, wie der Metzgershund das Soja-Würstchen: „Und was machst Du so?“ Bei gefühlten zwei Drittel der Menschheit erzeugt der Begriff „Obsoleszenz“ nichts als Fragezeichen, und bei dem Rest ist er erstmal böse: Die raffgierige Industrie konstruiert in ihre Produkte „Sollbruchstellen“ – etwa das gerne zitierte Zahnrad aus minderwertigem Plastik. Es soll für das rechtzeitige Ableben des Produktes sorgen, das es beherbergt (idealerweise kurz nach Ablauf der Garantiezeit) und dadurch umsatzfördernden Nachkauf erzeugen.

Nach Plan: die böse Obsoleszenz

Dieser Vorgang nennt sich „geplante Obsoleszenz“ und keiner weiß, ob es sie wirklich gibt. Eine vom Bundesumweltamt beauftragte 308 Seiten lange Studie aus dem Jahr 2016 jedenfalls konnte keine absichtlich von Herstellern eingebaute Schwachstelle nachweisen. Natürlich auch nicht das Gegenteil. Beispiele in der Geschichte gibt es aber schon: etwa das Glühbirnenkartell im Jahr 1925. General Electric, Osram, Philips und Co. beschlossen, die Betriebszeit der Leuchtmittel auf 1000 Stunden zu begrenzen. Oder der Chemiekonzern DuPont, der in den 40er Jahren anscheinend Damenstrümpfe so produzierte, dass sich Laufmaschen mühelos ihren Weg durchs Nylon bahnen konnten.

Obsoleszenz-Mythen statt Fakten

Für die Neuzeit gilt: Um Geschichten zu befeuern braucht es keine Fakten, es reicht der Mythos: Auf das Suchwort „Obsoleszenz“ spuckt Google auf den ersten sechs Ergebnisseiten ausschließlich Einträge aus, die sich mit dem geplanten Ende von Produkten beschäftigen. So hat man als Werktätiger im Bereich Obsoleszenz-Management zwar keine Profession mit fragwürdigem Ruf, wohl aber eine erklärungsbedürftige. Denn einen Begriff zu finden, der zwar im Wortsinn eine einzige Bedeutung hat, aber zwei genau entgegengesetzte Bestrebungen in sich trägt, ist selten. „Obsoleszenz“ ist so ein Fall. Der Duden erklärt es als „Die Alterung eines Produkts, das dadurch veraltet oder unbrauchbar wird“ (obsolet: veraltet, überflüssig). So weit, so klar. Das Problem: Der Begriff deckt sowohl die geplante Herbeiführung dieses Zustandes ab, als auch dessen geplante Vermeidung.

Aus der Deckung zur Lufthoheit

So muss der geplagte Obsoleszenz-Arbeiter aus sicherer Deckung von Managementprozessen berichten, die nichts anderes sollen, als es sicherzustellen, dass die ausgelieferten Güter möglichst lange ihren Dienst verrichten. Von Service-Verträgen und anderen vertraglichen Zusicherungen an Kunden wie Bahngesellschaften, Luftfahrtunternehmen, die Bundeswehr oder Fertigungsbetriebe über garantierte Laufzeiten dieser Investitionsgüter. Die Lufthansa bestellt mal nicht eben ein neues Flugzeug, wenn eine Düse stottert, (derzeit ohnehin nicht), ein Achszähler im Netz der Deutschen Bahn lässt sich als Teil der Gleisfreimeldeanlage schon aus Sicherheitsgründen nicht schnell mal gegen ein neueres Modell austauschen. Dann kann er die Bedeutsamkeit seiner Arbeit mit der Norm IEC 62402 dokumentieren, bevor er als Speerspitze in Sachen Nachhaltigkeit die Lufthoheit über Stammtisch oder Sushi-Büffet zurückerobert.